Die Frau mit dem silbernen Tuch

Ich erinnere mich an eine Frau.
Sie lebte zur Zeit der späten Pharaonen in einem kleinen Haus aus Lehmziegeln, unweit eines Nebenarms des Nil. Die Stadt war unbedeutend. Vielleicht ein Handelsplatz, vielleicht ein Ort für Fischer. Und doch war sie jemand, der von vielen aufgesucht wurde. Nicht weil sie etwas verkaufte – sondern weil sie etwas wusste.
Sie trug ein schlichtes, weißes Gewand. Aber immer, wenn sie sprach oder sich versunken an den Himmel wandte, leuchtete ein Tuch aus silbernem Stoff auf ihren Schultern. Es war kein gewöhnlicher Stoff. Kein Metall, kein Garn, das man weben konnte. Es war mehr wie Licht. Als hätte der Himmel selbst ihr eine zweite Haut geschenkt.
Ich war damals ein junger Mann, auf der Suche nach… irgendetwas. Ich wusste es selbst nicht. Etwas in mir war unruhig, getrieben. Und so ging ich dorthin, zu dieser Frau, von der man sagte, sie sehe hinter die Schleier der Zeit.
Ich weiß noch, wie still es war, als ich zu ihr trat. Sie sah mich nicht direkt an. Stattdessen sprach sie einen einzigen Satz:
„Du kommst nicht wegen deiner Fragen, sondern wegen deiner Antworten.“
Ich war verwirrt. Und irgendwie getroffen.
Sie lächelte nicht, sie erklärte nichts. Stattdessen führte sie mich zu einem flachen Stein am Ufer des Nil, der unter einer alten Dattelpalme lag.
Dort ließ sie mich sitzen. Stundenlang. Sie sprach kein weiteres Wort. Nur das Wasser war zu hören. Und der Wind im Gras.
Erst als die Sonne fast untergegangen war, trat sie hinter mich. Sie legte mir das silberne Tuch auf die Schultern. Es war kühl, wie der erste Hauch der Nacht. Und doch durchdrang es mein ganzes Wesen. Ich fror nicht – im Gegenteil: Ich fühlte mich erkannt. Erkannt in einer Tiefe, die ich bis dahin nie berührt hatte.
Als ich mich umdrehte, war sie verschwunden.
Ich fand sie nie wieder. Auch das Tuch war nicht mehr da.
Aber etwas hatte sich verändert. Ich suchte nicht mehr. Ich begann zu erinnern.
Heute weiß ich, dass diese Frau eine alte Seele war. Vielleicht eine Priesterin der Sterne. Vielleicht eine, die einfach still in ihrer Wahrheit lebte.
Und ich?
Ich glaube, ich war ihr Schüler. Nicht für Jahre. Vielleicht nur für Stunden. Aber sie hat mein Innerstes berührt. Und ich habe sie nie vergessen.
Bis heute nicht.